Im Land der Inkas und Sechstausender/Im Süden Perus - von Andreas Koller

Peru übt auf Europäer eine Faszination aus. Das Land südlich des Äquators bietet neben kulturellen Highlights auch jede Menge 6000er, die mehr oder weniger schwierig zu besteigen sind. Mit fast 1.3 Millionen Quadratkilometern Fläche ist Peru auch nicht gerade klein, was bewirkt, dass man sich unweigerlich auf eine Region konzentrieren muss. Während der höchste Gipfel des Andenstaates, der Huascaran Sur, mit seinen 6768m in der Cordillera Blanca in der Nordhälfte des Landes liegt, punktet der südliche Teil mit Macchu Pichu, Cusco, Arequipa, dem Titicacasee, dem Colca Canyon inklusive der Kondore, Lamas, Alpakas, Vicunas und den 6000ern der Cordillera Volcanica. Diese ragen als mächtige Gipfel sehr frei stehend empor und bieten – nach langen, anstrengenden Aufstiegen – Ausblicke wie aus dem Flugzeug. 


© Andreas Koller

Eine Reise in den Süden Perus beginnt zuerst einmal mit einem ermüdenden Flug nach Südamerika, oft via Madrid und Lima, der peruanischen Hauptstadt, an die gewünschte Destination. Im Normalfall sind das die Städte Cusco oder Arequipa, die beide einen internationalen Flughafen aufweisen. Da man sich zumindest einmal in Cusco schon auf weit über 3000m befindet, ist zuerst einmal ein ordentliches Kulturprogramm angesagt, um sich so gut akklimatisieren zu können. Tambomachay, Pukapukara, Quenqo und Saqsaywaman – allesamt Inka-Kulturstätten – liegen in unmittelbarer Nähe der einstigen Inka-Hauptstadt Cusco und können leicht per Taxi erreicht werden. Dabei befindet man sich schon nahe an der 4000er-Grenze. Natürlich sollte ein Ausflug ins Valle Sagrado und nach Macchu Picchu nicht fehlen, wobei die letztere Destination ohnehin ein Must-see ist und als UNESCO Weltkulturerbe so viele Postkarten und Bildbände ziert. In Macchu Pichu bieten sich sogar zwei Gipfel zur Besteigung an: der Montana Picchu (3100m) und der fotogene Wayanapicchu (2682m). Für beide Besteigungen benötigt man ein kostenpflichtiges Permit, das rechtzeitig beantragt werden muss. Dann wird einem eine Aufstiegszeit zugeordnet, zu der man sich beim Checkpoint einfinden muss. Nicht gerade das Gelbe vom Ei für einen freiheitsliebenden Bergsteiger. Andererseits wird einem von den Gipfeln ein großartiges Panorama geboten. Der Wayanapicchu verspricht dann sogar noch einen spannenden Aufstieg auf einem gesicherten Steig, über den allerdings auch Sandalenträger unter Schweißausbrüchen emporklettern. Denn es kann nicht nur sehr heiß werden – selbst im peruanischen Winter – sondern auch ob des steilen und manchmal durchaus exponierten Aufstiegs. Die Nähe des peruanischen Tieflandes bemerkt man tatsächlich am durchgeschwitzten Funktions-T-Shirt.

© Andreas Koller
Wer im Süden Perus unterwegs ist, wird auch die lange Fahrt über den Altiplano über sich ergehen lassen, zumal viele Stopps durchaus Abwechslung bringen. So kann man zahlreiche Berggipfel – alle jenseits der 5000er-Marke – bewundern, Land und Leute kennenlernen und eine herb schöne Landschaft bewundern, die es in Europa in der Art einfach nicht gibt. Ziel der Durchquerung des Altiplano sollte dann Puno, die Großstadt am Titicacasee, sein. Wunderschön eingebettet in einem Kessel, zum See hin offen, kann man hier echtes peruanisches Andenflair genießen. Auf keinen Fall sollte man die kurze Bootsfahrt zu den schwimmenden Inseln der Uros versäumen. Man wird als Europäer staunen, wie und unter welchen Bedingungen man hier leben kann.

© Andreas Koller
Die Reise geht dann weiter nach Westen, nach Chivay, Ausgangspunkt für Ausflüge in den Colca Canyon. Da heißt es dann, zeitig aufstehen, denn die Kondore nehmen bei ihren „Flugvorführungen“ keine Rücksicht auf Langschläfer. Übrigens: Einen Kondor im Flug mit der Camera einzufangen ist gar nicht so einfach, wie man glauben könnte. Aber nicht nur der Kondore wegen ist ds Colcatal eine Reise wert, ebenso gibt es zahlreiche Wanderrouten, die einladen, sich mit der einen oder anderen Tour für die großen Gipfel einzugehen. Zur Erholung stehen Thermalquellen zur Verfügung. 

Über das Mirador de los Volcanes, immerhin 4910m hoch gelegen und damit 100m höher als der Montblanc, geht es nach Arequipa. Hat man schon vom Mirador aus die großen 6000er in der Ferne gesehen, so ist man jetzt zumindest dem Chachani (6075m) sehr nahe.

© Andreas Koller
 Arequipa, dessen Zentrum im Jahr 2000 ebenfalls zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt worden ist, liegt auf 2300m, umgeben von drei großen Vulkanen. Etwas entfernter und als langgezogenes Massiv erkennbar ist der Picchu Picchu (5665m). Als Hausberg gilt der Misti mit seinen 5822m – übrigens auch ein begehrtes Gipfelziel. Und als höchster naher Gipfel ragt der Chachani stolze 6075m empor. Weil er so beeindruckend von der Stadt her aussieht und er ein eindrucksvoller 6000er ist, wird er wohl am häufigsten bestiegen. Misti und Chachani werden auch im Stadtzentrum bei jeder Agentur an jedem Eck angeboten, meist als 2- bis 3-Tagestouren. Weniger oft stehen der Ampato (6288m) und der Coropuna (6425m) am Programm. Das mag an der weiteren Anreise, aber auch an den größeren Mühen und Gefahren der Berge liegen. 

Am einfachsten ist es, eine organisierte Bergreise schon von Europa aus zu buchen. Damit hat man dann auch gleich die gesamte Logistik mit eingekauft, was sich in jedem Fall auszahlt, weil man die eigenen Nerven schont und sich die zeitaufwändige Organisation vor Ort erspart. Alleine die Anreisen zu den diversen Ausgangspunkten für Chachani, Ampato und Coropuna sind nur mit Geländefahrzeugen (4WD) und ortskundigen Fahrern zu bewältigen. 

Bevor man auf Gipfeljagd geht oder zwischendurch, wenn man einen Erholungstag einlegt, sollte man tatsächlich die Altstadt von Arequipa aufsuchen. Die Fußgängerzone um den Hauptplatz lädt mit vielen Lokalen zu einer kulinarischen Reise durch die peruanischen Küche ein. 

Sehenswürdigkeiten neben dem Hauptplatz sind das Kloster Santa Catalina, der Markt sowie die Gletschermumie Juanita im Museo Santuarios Andinos. Die Mumie des bei seinem Tode etwa 13- bis 14-jährigen Inkamädchens wurde am Ampato im Krater anno 1995 bei einer Expedition des amerikanischen Archeologen Joahn Reinhard gefunden. Juanita war ein Menschenopfer der Inkas an den Nevado Ampato, der dem Glauben der Inkas nach über die Wasserversorgung und die Ernte herrschte.

© Andreas Koller
Der erste 6000er, den man nach ausreichender Akklimatisation in Angriff nimmt, ist in der Regel der Nevado Chachani (6075m). Dazu lässt man sich zum Basecamp auf 4950m an der Nordseite des Massivs bringen. Wer will, kann dann noch zum High Camp auf 5300m aufsteigen und erspart sich somit ca. 1:30 Stunden für den Gipfelsturm. Der Nachteil dabei ist, dass man Zelte und Verpflegung ins Hochlager bringen muss. Und bei rechtzeitigem Aufbruch und guter Kondition ist der Chachani auch vom Basislager aus machbar. Um ein Uhr in der Nacht ist Aufbruchszeit, die Stirnlampe wird eingeschaltet und der erste Abschnitt beginnt. Bis zum Hochlager gibt es weder große technische Probleme noch steilere Abschnitte. Höchstens ein Blockfeld bei der langen Querung zum Hochlager kann an den Nerven zerren. Technisch immer einfach, fast schon ein Wanderberg, wären da nicht die großen Höhen zu bewältigen, geht es dann steiler hinauf bis zum Kraterrand des Vulkans. Inzwischen ist auch die Sonne aufgegangen, so dass man die letzten Höhenmeter dann doch gerne abspult. Die Aussicht ist grandios – wie aus einem Flugzeug. Unter einem die Stadt Arequipa, in der Ferne der Ampato und der Coropuna. Trotz aller Gipfelfreuden muss man beizeiten an den Abstieg denken, der jedoch dank des Lavasands recht schnell durchführbar ist. Ein wunderschöner Gipfeltag geht mit tollen Eindrücken zu Ende. 

Der zweite und schon deutlich anspruchsvollere 6000er ist der Ampato (6288m), vor allem berühmt durch den Fund der Gletschermumie Juanita. Auch hier geht es wieder mit dem Geländefahrzeug bis ins Basecamp auf 5200m. Anders als beim Chachani müssen diesmal Steigeisen, Pickel, Gurt, Seil eingepackt werden. Aufbruchszeit ist wieder um ein Uhr nachts. Nach kurzem, einfachem Anstieg erreicht man die ersten Steilstufen, bald das äußerst lästige Büßereis (penitentes), das mit bis zu 2m tiefen Spalten und Furchen aufwartet. Vor einer steileren Eisrinne werden die Steigeisen angelegt, dann wird auf dem Gletscher angestiegen. Und es gibt Spalten hier, auch wenn der Gletscher eher sanft aussieht. Hat man den großen Krater erreicht, erblickt man schon den Gipfel am Kraterrand. Von der flachen Querung zum Gipfelhang darf man sich nicht täuschen lassen, denn die letzten 100 Höhenmeter steilen gewaltig auf. Die letzte Seillänge – wobei man auch hier zumindest im Aufstieg üblicherweise ohne Seil geht – weist eine Steigung von 50° auf, was im Abstieg noch eindrucksvoller erlebt wird. Nach den Mühen kann man auch am Ampato die wunderbare Aussicht genießen. Hat man beim nächtlichen Aufstieg die Lichter der Millionenstadt Arequipa gesehen, bewundert man jetzt den ganz nahen und eine Rauchsäule ausstoßenden Nachbarvulkan Sabancaya (5976m). Auch der Chachani sowie der Coropuna sind im Blickfeld. Nach geglücktem Abstieg kann man dann die nächste tolle 6000er-Tour Revue passieren lassen. 

Für dreimal 6000 fehlt noch ein Gipfelziel. Also warum nicht gleich der höchste Berg der Region Arequipa: der Coropuna (6425m). Für peruanische Verhältnisse ist die Anreise von vier Stunden quasi ein Katzensprung. Erst für die letzten Höhenmeter benötigt man Geländefahrzeuge (4WD), die einen dann noch – je nach Schneelage – auf 5100m bringen können. Anders als bei Chachani und Ampato wird der Coropuna nicht direkt vom Basislager aus bestiegen. So steigt man noch am Anreisetag die 2:30 Stunden zum Hochlager auf 5550m auf. Die folgende Nacht gestaltet sich sehr kurz, der Schlaf ist leicht, wird immer wieder unterbrochen, der Körper arbeitet spürbar in dieser Höhe. Man ist direkt froh, dass es um spätestens ein Uhr wieder losgeht. Und zwar recht mühsam durch grobes Blockwerk, das immer steiler wird. Dabei nutzen wir eine Rampe zwischen zwei Gletscherzungen aus. Erfreulicherweise geht beim Übergang zum Gletscher die Sonne auf. Dennoch ist es beim Anlegen der Steigeisen verdammt kalt, der Firn knirscht unter den Zacken. Ausgerüstet mit Steigeisen und Pickel und ordnungsgemäß angeseilt wird die bis zu 50° steile Eisflanke bezwungen und das weite Gipfeldach erreicht. Klarerweise wähnt man sich bereits am Ziel, doch es ist noch weit zum höchsten Punkt. Erstaunlich weitläufig ist das Gipfelplateau, man könnte sich direkt verlaufen – was bei Nebel gar nicht so unwahrscheinlich ist – oder ein Fußballmatch veranstalten. Lieber jedoch lässt man die Eindrücke und Ausblicke auf sich wirken. Wieder haben in der Nacht die Lichter Arequipas Eindruck gemacht, jetzt, am Gipfel, ist es der mächtige Eispanzer, der nahe und abweisende Solimana (6093m) sowie neuerlich Ampato und Chachani. Warum der Gipfelsieg Gipfelsieg heißt, fragt man sich auch am Coropuna, denn noch hat man nichts gewonnen und erst die erste Halbzeit absolviert. Also erst die Hälfte der Tour hinter sich. Denn auch der Abstieg zieht sich und erst jetzt erkennt man die Steilheit des Eises und die Abschüssigkeit des Geländes. Im Hochlager glücklich und heil angekommen, wartet schon eine köstliche Suppe. Außerdem kann man sich für kurze Zeit ausruhen, vielleicht gar schlafen, ehe es an den restlichen Abstieg zum eigentlichen Ausgangspunkt geht.

© Andreas Koller
Drei Sechstausender mit zunehmenden Schwierigkeiten und Höhen haben mächtige Eindrücke hinterlassen und tolle Bergerlebnisse beschert. Eine Kombination von Kulturprogramm und Bergtouren lockert alle Unternehmungen auf, und man kann mit fantastischen Erinnerungen nach Europa und in die heimischen Berge zurückkehren.

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